Bericht: Afrikanisches Maskenspiel: Einblicke in die Religionen Afrikas, von V.S. Naipaul (2010) – 4 Sterne

Immer wieder bemitleidet V.S. Naipaul hungernde Kätzlein. Der Flughafen in Lagos ist chaotisch, das Hotel dann nicht viel besser. This is Africa, aber Naipaul beklagt unermüdlich über hunderte Seiten den Müll in den Straßen, die Staus, die leidenden Tiere und wie die Afrikaner das weiße Erbe herunterwirtschaften.

Kein starkes Stück:

Mit derlei Kleinkram hält sich der Großmeister (1932 – 2018) auf – in einem Buch, das deutlich abfällt gegen viele seiner früheren Reiseberichte und Romane. Afrikanisches Maskenspiel: Einblicke in die Religionen Afrikas (engl. The Masque of Africa)  liefert bestenfalls mittelmäßige Informationen in dito Prosa (mit zahlreichen gelehrten Vokabeln, die meine Offline-Wörterbücher nicht kannten; ich hatte die englische Ausgabe). Atmosphäre-Beiwert: Null.

Der Nobelpreisträger hätte das saft- und kraftlose Buch vielleicht gar nicht veröffentlichen sollen. Mit welchem Gefühl brachten es die Lektoren wohl heraus? Ich glaube, sie sind früh darüber eingeschlafen: schon auf Seite 23 (Picador-TB-Ausgabe) fliegen die Begriffe Busoga und Wasoga durcheinander; Tippfehler ziehen sich durchs Buch; der Rückumschlag verwechselt „continent“ und „country“.

Viel echtes Leben schildert Naipaul nicht in seinen Berichten aus Uganda, Nigeria, Ghana, Gabon, Südafrika und der Elfenbeinküste. Die meiste Zeit verbringt er jeweils in der Hauptstadt, in Nigeria und Ghana auch ein paar Tage in der jeweils zweiten Stadt, in Gabon gibt es einen Ausflug in die Provinz. Er kommt kaum mal länger in ein Dorf.

Schimpansen und gut genährte Hauskatzen:

In Uganda besichtigt Naipaul alte Schreine und Tempel, referiert Gelesenes und fährt, von Fliegen belästigt, zu einem Schimpansenreservat. In Nigeria besucht Naipaul Provinzfürsten, in Ghana einen Heiler und Ex-Premier Jerry Rawlings, der mit ausnahmsweise gut genährten Haustieren punktet. In der Elfenbeinküste berichtet Naipaul von alten Zeiten und vom Katzen-Verzehr, und in Gabon unterhält er sich mit Pygmäenforschern, ohne selber Pygmäen zu treffen (und ohne diesen Mangel auch nur zu erklären).

Naipaul verlässt sich immer wieder ganz auf das, was ein paar Führer und Verbindungsleute berichten oder bestenfalls präsentieren, ohne selbst medias in res zu gehen (viele Initiationsrituale sind freilich streng geheim). Der Islam spielt nur in Nordnigeria eine Rolle.

Auch das Ende enttäuscht:

Der frühe Naipaul schrieb zauberhaft humorvolle Romane, meist über seine Heimat Trinidad; dann folgten starke Reiseberichte aus Indien und aus dem nicht-arabischen Islam sowie bezwingende Afrika-Romane wie In einem freien Land oder An der Biegung des großen Flusses. Dazwischen gab es schon öfter mal Käse; aber beim Afrikanischen Maskenspiel scheitert Naipaul nicht mal mit Niveau: Der 76jährige lässt sich müde von Gewährsleuten durch afrikanische Tempel, Heilerstätten und Dorfhäuptlingssalons leiten, spricht bequem mit Informanten der Oberklasse, bedauert Kätzlein und andere geplagte Kreaturen.

Das letzte Kapitel – über Südafrika – wirkt besonders blass: Der Leser bekommt nicht das Gefühl, überhaupt einen Fuß ins Land gesetzt zu haben. Es gibt eine kurze, uninteressante Begegnung mit Winnie Mandela, einen Besuch auf dem Fetischmarkt, vor allem aber erzählt Naipaul von Ghandi in Südafrika und referiert gedehnt mehrere Erzählungen südafrikanischer Autoren. Das Buch endet denkbar lieblos mit der Nacherzählung einer Erzählung, ohne jeden abrundenden Satz. The Independent rezensierte kühl:

„His hands are shaky, his words no longer perfectly sculpted. The power over readers is dissipating.“

 

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