Orginal & Remake, 2 Südindien-Filme rezensiert: „Aadavari Matalaku Ardhalu Verule“ ( Telugu, 6 Sterne, mit Venkatesh) + „Yaaradi Nee Mohini“ (Tamil, 7 Sterne, mit Dhanush) – mit 13 Videos

Ein trostloser Sohnemann steht in beiden Südindien-Filmen im Mittelpunkt: Nichts gelernt hat er, keine Frau, keinen Job. Sogar der eigene Vater verspottet den Junior. Der jedoch findet plötzlich eine Schöne zum Anschmachten, gar eine Anstellung in ihrer Firma, die Zukunft scheint rosig. Aber ach:

Die Dame ist so gar nicht interessiert. Bei einem Verwandtenbesuch auf dem Land kulminieren die Ereignisse, Entscheidungen fürs Leben stehen an, und wie wird es wohl enden?

Zuerst kam die Telugu-Version:

Der Film erschien zuerst 2007 als „Aadavari Matalaku Ardhalu“ (AMAV) auf Telugu (eine Sprache des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh), reüssierte und wurde 2008 prompt als „Yaaradi Nee Mohini“ auf Tamil (Sprache des indischen Bundesstaats Tamil Nadu) neu verfilmt. Das Buch stammt in beiden Fällen von K. Selvaraghavan, der bei der Telugu-Variante auch Regie führte und diese Aufgabe in der Tamil-Version an seinen Assistenten Mithran R. Jawahar weiterreichte – zugleich der Bruder von Tamil-Hauptdarsteller Dhanush.

Beide Filme, obwohl nicht in Bombay und nicht auf Hindi produziert, folgen der gängigen Bollywood-Formel: Es gibt Liebe und Klamauk, Song & Dance, Großfamilie und Einsamkeit, Stadt und Land. Beide Streifen wirken allenfalls einen Tick billiger als die A-Ware aus Mumbai. Wer indisches Kino ohne Bollywoodgezauber sucht, könnte „Monsoon Wedding“ oder „Mr. and Mrs. Iyer“ einwerfen.

Sehr ähnlich produziert:

Die zwei Filme ähneln sich von der Handlung bis zu Bewegungen und Schnitten stark. Die schönen, rhythmischen, aber stets melodiösen Songs lieferte in beiden Fällen Yuvan Shankar Raja, der von 2003 bis 2007 häufiger mit Selvaraghavan zusammenarbeitete. Die Stücke wurden aber für die Tamilfassung leicht geändert: sie klingen hier etwas moderner und packender. Indische Kritiker der ursprünglichen Telugu-Fassung monierten, dass die Lieder Tamil-Akzent und -Mentalität transportierten.

Mein Favorit ist das schmelzende, aber zügig dahinfließende Duett „Oru Naalaikkul“ aus der Tamil-Version (das insgesamt zweite Stück, auf Telugu „Naa Manasuki“, es beginnt in der Softwarefirma). Mehrere andere Songs stehen kaum nach. Es gibt jedoch wenig große Tänze.

Die Liebeskomödie mit melodramatischen Schüben wirkt teils gezielt, teils unfreiwillig komisch. Ich habe jedenfalls in beiden Filmen öfter gelacht (nicht jedoch über Darmwinde, Aufstoßen, Erbrochenes).


Nicht realistisch, aber unterhaltsam:

So manche Wendung glaubt kein Mensch, aber wer achtet in einer Indien-Klamotte schon darauf. Ein indischer Kritiker ätzte, das einzig Realistische an der ausführlich gezeigten Softwarefirma sei die Kaffeemaschine. Ich mag zudem das ironisch gebrochene Pathos – selbst wenn die Filmmacher das gar nicht so meinten.

Die Geschichte liefert aber auch bitterböse, dabei sehr unterhaltsame Wortgefechte zwischen Vater und Sohn beziehungsweise Chefin und Unterling – hier spielt die Komödie vielleicht mit regionalen Tabus, die abgeschwächt auch im Westen gelten. Das Ende ist etwas unbefriedigend, sogar schwer durchschaubar.

Nur wenige Akteure sieht man in beiden Filmen, unter anderem Kashinadhuri Vishwanath als Großvater und Mumait Khan, die laszive Item-Tänzerin aus der (natürlich überflüssigen) Eisenbahn-Nummer „Oh Baby“ (online zur „Desi-Shakira“ hochgejubelt).


Beide Filme lohnen sich:

Beide Filme haben mir gefallen. Im Zweifel würde ich zuerst das Tamil-Remake ansehen:  es hat die schöneren, moderneren Bilder, die Musik klingt etwas besser, die Bewegungen in Musik-unterlegten Entspannungsphasen sind gefälliger und Milchbart Dhanush passt besser in die Sohnemann-Rolle. Venkatesh aus der Telugu-Vorlage ist einfach zu alt und stattlich für seine Rolle, auch wenn man ihm generell gern zusieht.

Weitere Versionen: Ebenfalls 2008 erschien ein Remake auf Kannada, „Anthu Inthu Preethi Banthu“, das ich nicht kenne. Es verwendet u.a. vier der ursprünglichen Songs. 2012 folgte die Bengali-Ausgabe „100% Love“ (Übersicht der Verfilmungen bei Wikipedia).

Zu „Aadavari Matalaku Ardhalu Verule“ (AMAV) (Telugu, 2007, 6 Sterne):

Altstar Venkatesh spielt in diesem 150 Minuten langen Telugu-Film die männliche Hauptrolle – ein gestandenes Mannsbild mit Schnauzer und Bauchansatz. Er hat robuste Ausstrahlung und wirkt jederzeit so selbstbewusst und kraftvoll, dass man ihm seine Verlierer-Rolle nie abnimmt.

Familienvater, Metzger, Bankräuber, Bonze, all das verkörpert der physisch präsente Venkatesh wohl eher als einen nichtsnutzigen Sohnemann, der seinen Erzeuger um 100 Rupien angeht. Mit diesem Filmvater Srinivasa Rao Kota hat Venkatesh auch nicht die geringste Ähnlichkeit.

So wundert es auch, dass die viel jüngere, mädchenhafte, fast zerbrechliche Trisha Krishnan hier Venkatashs herrische Chefin gibt; sie spielt allerdings nicht ganz so zickig wie Tamil-Kollegin Nayantara. Auch Trishas spätere Gefühle für die Venkatesh-Figur erstaunen, gelinde gesagt. Insgesamt gibt sie sich aber vielseitiger als Nayanantara und bekam den „Filmfare South“-Preis als beste Hauptdarstellerin des Jahres.

Diese Telugu-Vorlage ist weniger ästhetisch gefilmt und mehrere Wendungen im ersten Teil ergeben sich abrupter. Allerdings erscheint das insgesamt verworrene Schlussdrama hier klarer und verständlicher. Die Musik klingt altmodischer, aber immer noch gut. Der Tanz in Australien spielt hier in einer ollen Disko-Studiogruft, während die Tamil-Variante die selbe Nummer unterhaltsamer am Strand inszeniert.

Regisseur Selvaraghavan heiratete während der Dreharbeiten im Dezember 2006 die Schauspielerin Sonia Agarwal (sie erscheint nicht in AMAV), sein Bruder Dhanush war natürlich auch da. Im August 2009 reichten Agarwal und Selvaraghavan die Scheidung ein.

Die DVD von Tolly 2 Holly zeigt ein gutes Bild, sie hat ein Songmenü, aber keine weiteren Extras. Die Zwangs-Vorabwerbung u.a. für Immobilien nervt. Die englischen Untertitel verraten grammatische Schwächen, bleiben aber meist verständlich und lang genug sichtbar. Allerdings fühlte ich mich mit den UT von „Yaaradi…“ etwas besser. Die Telugu-DVD zeigt den Filmtitel weder Front- noch Rückseite in lateinischer Schrift; man findet ihn jedoch auf dem DVD-Rücken.

Die Altersunterschiede der Hauptdarsteller:

Telugu-Hauptdarsteller: Venkatesh, * 1960
Telugu-Hauptdarstellerin: Trisha Krishnan, * 1983

Tamil-Hauptdarsteller: Dhanush, * 1978
Tamil-Hauptdarstellerin: Nayantara, * 1984

Zu „Yaaradi Nee Mohini“ (Tamil, 2008, 7 Sterne):

Der Drei-Stunden-Film betört mit schamlos schönen Bildern von Kameramann Siddharth, zum Glück ohne viele Special Effects (außer in der Australien-Episode). Der Hauptdarsteller, Tamil-Star Dhanush, ist zum Niederknien als verliebter Loser, Bürogockel mit Perma-Dreitagemilchbart und verlorenem Blick, er löst nie je Overacting-Alarm aus (wenn verträumter Milchbubi, dann ist mir Dhanush weit lieber als Bollywood-Jüngling Shahid Kapoor).

Dhanushs Film-Partnerin Nayantara wirkt deutlich älter und verbissener als ihr Telugu-Pendant und sieht zudem älter als Dhanush aus; auch hier erscheint die Anziehung zwischen den beiden Protagonisten nicht glaubhaft.

Unterhaltsam und interessant wieder der längere Ausflug aufs Dorf. Viele Kritiker haben „Yaaradi…“ jedoch in die Tonne getreten. Andererseits wurde „Yaaradi“ für viele südindische Filmpreise nominiert, erhielt aber letztlich keine Trophäe.

Dhanush brachte hier seinen Bruder erstmals als Regisseur unter. Er hatte schon bei „Aadavari“ als Regie-Assi mitgearbeitet. Der etablierte Tamil-Darsteller Raghuvaran wird im Film beerdigt, am 19. März 2008 starb er tatsächlich, noch bevor „Yaaradi Nee Mohini“ erschien.

Die DVD von Ayngaran zeigt den Tamil-Film mit gutem Bild. Die englischen Untertitel stehen lange genug im Bild und zeigen nur gelegentlich unterhaltsame Englisch-Fehler. Das Kapitel-Menü führt auch zu einzelnen Songs, Bonusmaterial fehlt.

Wer gern Remakes von Assistenten sieht, kann auch Mani Ratnams Tamil-Film „Alai Payuthey“ einlegen (2000) und danach die Hindi-Variante „Saathiya“ (2002), in beiden Fällen mit Musik von A.R. Rahman.





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